ALPINISMUS Gehen im Eis
Der eine zieht in sengende Wüsten und dampfende Amazonas-Wälder, um da, oft unter Lebensgefahr, seiner Leidenschaft zu frönen - für Werner Herzog, den Münchner Regisseur, ist Filmen »Athletenarbeit«.
Den anderen treibt es, auch unter Lebensgefahr, auf wilde Achttausender; den höchsten Gipfel der Erde, den Mount Everest (8848 Meter), schaffte er gar ohne Sauerstoffgerät - »In den Momenten, in denen wir zu sterben scheinen«, schwärmt der Südtiroler Bergsteiger Reinhold Messner, »werden wir wie neu geboren.«
Extremisten ziehen sich an: Im nächsten Sommer wollen Herzog und Messner eine Seilschaft bilden und zusammen einen Bergfilm drehen. Schauplatz: der 8611 Meter hohe K-2 im Karakorum-Hochgebirge an der pakistanisch-chinesischen Grenze. Titel: »Die Tränen der Götter«.
»Mir war immer schon ganz klar«, sagt Herzog, »daß sich unsere Wege eines Tages kreuzen würden.« Die Begegnung fand vor zwei Jahren statt, als Messner »Fitzcarraldo« gesehen hatte, Herzogs Dschungel-Abenteuerfilm. Messner zu Herzog: »Du bist der einzige, der das Thema ''Berg'' richtig behandeln kann.«
In Luis Trenkers Filmspuren ("Der Berg ruft") wollen die beiden freilich nicht geraten; für dessen »Bergsteiger-Heroik« und »Schicksals-Quatsch« hegen sie nur Verachtung. Sie möchten an die »große Tradition des Bergfilmes anknüpfen«, an Regisseure wie Arnold Fanck ("Die weiße Hölle von Piz Palü«, 1929) und Leni Riefenstahl ("Das blaue Licht«, 1932) oder an Hans Steinhoffs düsteres Bergmärchen »Die Geierwally« (1940). Das seien, sagt Herzog, »ganz starke Sachen« mit »traumhaften, unvergeßlichen Bildern«.
Messner, der die K-2-Expedition leiten und in einer Nebenrolle sein Filmdebüt geben soll, hat auch den Drehbuch-Stoff geliefert - eine Tragödie aus seinem
Leben: Im Jahre 1970 hatte Messner am Nanga Parbat im Karakorum seinen Bruder Günther durch eine Eislawine verloren.
Messner suchte tagelang nach ihm, fror sich dabei alle Zehen des linken Fußes ab und wurde schließlich mehr tot als lebendig von pakistanischen Bergbauern aufgefunden; der Bruder blieb verschollen. Die verzweifelte Suche soll der Stoff des Herzog-Films werden, den Messner-Part übernimmt, wer sonst, Klaus Kinski.
Mit dem hatte Herzog schon die Dschungel-Thriller »Aguirre« und »Fitzcarraldo« gedreht, stets mit Krächen. Kinski trainiert bereits für die Gipfelstürmer-Rolle. Seit Monaten marschiert er, mit 15 Kilogramm Ballast auf dem Buckel, täglich 25 Kilometer durchs Gebirge.
Er war auch mit von der Partie, als Herzog und Messner vor einigen Wochen auf Motivsuche durch den Karakorum und den Himalaja treckten (Herzog drehte dabei einen Dokumentarfilm); den Mount Everest als Schauplatz verwarf Herzog. Der sei »wie die Alpen, nur höher«, seine Wahl fiel auf den K-2, den entlegensten und schwierigsten Achttausender der Erde.
Der schien den ersten Europäern, die in diese Gegend kamen, »ganz und gar greulich«; Charles Bruce, ein britischer Kolonialoffizier, beschrieb ihn als »Bauplatz Gottes«, den dieser »vorzeitig verlassen« habe. Herzog hingegen ist von dem Berg entflammt. Die Gegend sei »tot wie auf dem Planeten Jupiter, der Himmel schwarz wie das Weltall«, überdies gebe es da »die größten Schneewächten, die gewaltigsten Gletscher, die schönsten Eisbrüche«.
Und gedreht wird in dünner Luft, in Höhen zwischen 5000 und 8000 Metern. Um das Team auf die Strapazen einzustimmen, richtet Messner, kurz vor dem Aufbruch zum K-2, im Südtiroler Bergnest Sulden ein Trainingscamp ein.
Messner betreibt da, am Fuße des Ortlers und der Königsspitze (beide fast 4000 Meter hoch), eine Bergsteigerschule. Innerhalb einer Woche sollen die Künstler unter seiner Aufsicht das Gehen im Eis und den Umgang mit Seil, Steigeisen und Pickel lernen.
Ob der Schnellkurs für den K-2 ausreicht, wird sich zeigen, »Athletenarbeit« steht jedenfalls bevor. Schon das Basislager, mit 5000 Metern höher als jeder Alpengipfel, wird schlauchen: Der menschliche Körper verliert in dieser Höhe mehr Flüssigkeit als in der Wüste, selbst im Sommer toben oft heftige Schneestürme, während der womöglich monatelangen Dreharbeiten drohen Höhen- und Lagerkoller.
Auch auf das technische Gerät wartet Unbill. Bei 30 bis 40 Grad Kälte spielen die empfindlichen elektronischen Kameras leicht verrückt, das Filmmaterial bricht »wie ungekochte Spaghetti« (Herzog). Dennoch hofft der Regisseur, »Bilder zu zeigen, die einem nicht mehr aus dem Kopf gehen, Metaphern für einen inneren menschlichen Zustand«.
Mit Messner an seiner Seite sieht Herzog das verwegene Unternehmen als »eher unkompliziert« an, Vorteile böten sich dito: Dort oben, im ewigen Eis, könne ihm wenigstens »kein Lkw ungebeten ins Bild fahren«. _(Bei Dreharbeiten zum Herzog-Film ) _("Fitzcarraldo«. )
Bei Dreharbeiten zum Herzog-Film »Fitzcarraldo«.